Der Google-Buzz Nutzer: Pionier oder Versuchskaninchen?!

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Es ist keine zwei, drei Wochen her als ich noch mit einem komfortablen G-Mail-Account geliebäugelt habe: Mails per Tags verwalten, bequeme Suchfunktionen, Konversationslog und dies alles wunderschön eingebettet in das umfangreiche Google Sortiment, von dem ich sowieso schon mehr als zwei Drittel (Analytics, Webmastertools, Wave, Adsense, Adwords, Text und Tabellen…) täglich nutze.

Ein Gedanke, der zugegebenermaßen mit den ersten Meldungen von Google Buzz noch an Attraktivität gewann: ein stark aufgebohrtes Twitter sollte es werden. Und ähnlich wie bei Friendfeed Fotos, Videos, Blogposts, Kurznachrichten, Bookmarks und alles andere, mehr oder minder lesenswerte eines heutigen Digitalnomaden aggregieren. Zudem versprach die enge Verknüpfung zu Twitter, Flickr, Picasa, RSS-Feeds und vorallem zu den bisherigen Diensten von Google und die geobasierte Ausrichtung einige interessante neue Ansätze und Automatismen zu meinem Vorteil.

Googles soziales Netz – geknüpft aus vorhandenen Ressourcen

Logo von Google Buzz - Pixxelpassion, Webdesign aus Leipzig

Nun, Buzz ist nach dem hierzulande weniger bekannten Orkut Googles erste größere Bemühung in den sozialen Netzen Fuss zu fassen, welche  stark durch Facebook und Co. dominiert werden. Um diesen, mit seiner momentan 400 Millionen Userschar, gleich von Beginn an wenigstens halbwegs ernstzunehmend entgegenzutreten, wurde kurzerhand jeder der rund 167 Millionen G-Mail Nutzer auch gleichzeitig zum digitalen Buzz-Sprachrohr. Wenn man die Nutzerzahlen schon mal hat, warum nicht gleich nutzen und vernetzen, dachte man sich wohl bei Google.

Soweit so interessant. Allerdings hat Buzz noch weitere Features auf Lager. So rekrutiert es automatisch meine Mailkontakte mit denen ich häufigen Briefverkehr habe aus G-Mail zu Freunden bei Buzz. Das klingt erstmal praktisch – somit muss ich mich nicht bei noch einer Plattform um das zusammenstellen meiner Freundesliste bemühen und kann gleich losstarten. Leider scheitert dieser Gedanke aber vehement an der mechnanischen Willkür, mit der auf diese Art und Weise selektiert wird. Dies bestätigen auch diverse Berichten, welche derzeit die Foren und Weblogs überfluten und den neuen Aggregator-Dienst aus dem Hause Google anprangern.

Freundschaften folgen keinen Algorithmen

Als Nutzer sehe ich meine Kontakte eben differenzierter als nur „wenig kontakt“ und „häufiger Schriftverkehr“. Google macht letztere automatisch zu Freunden bei Buzz –das auch noch für alle sichtbar – und stösst damit auf ein massives Datenschutzproblem und folglich heftigen Widerstand.

Was wirklich ärgerlich an der ganzen Sache ist, dass Google seinen neuen Dienst Buzz den geneigten User praktisch so gut wie ohne Vorwarnung aufdrückt. In der anfänglichen Phase war jeder G-Mail Nutzer auch gleichzeitig bei Buzz involviert und sah sich nach wenigen Mausklicks seiner halben Mailliste als Freunden gegenüber. Und dies auch frei sichtbar für den Rest der Welt. Der eigene Chef konnte so auf ganz einfache Art und Weise erfahren, dass sein Angestellter offensichtlich in regem Kontakt mit einem Headhunter oder dem Personalchef eines Konkurrenzunternehmens stand.

Screenshot von Google Buzz - Pixxelpassion, Webdesign aus Leipzig

Doch selbst der Branchenriese Google muss in diesem Fall den protestierenden Usern klein beigeben. So wurde die besagte „Auto-Rekrutierungs-Funktion“ erst leichter abschaltbar gemacht und nun komplett ersetzt. Der Nutzer bekommt lediglich Kontakte seines Adressbuches vorgeschlagen und darf selbst bestimmen, inwiefern er diese in seiner Buzz-Liste aufnehmen möchte oder eben aber auch nicht. Weitere Eingeständnisse und Beschneidungen folgten und zeigten Tag für Tag, dass Google die Offenheit seiner Nutzer praktisch massiv überschätzt hat und nun seinen Dienst durchaus auch um die ursprünglich als Vorteile angepriesenen Features kürzen muss. Ist Google bewusst soweit gegangen?!

Der Nutzer: Pionier oder digitales Versuchskaninchen?

Nun ist natürlich die Frage wie kalkuliert dieses risikoreiche Vorpreschen in die Grauzonen der Privatsphäre war – und ob man den zu erwartenden Aufschrei in Kauf genommen hat um die Grenzen der „unfreiwillligen Offenheit“ auszuloten. Frei nach dem Motto: “Erstmal das Boot mit der unwissenden Besatzung soweit wie möglich in unbekannte Gewässer rudern – und dann die Anzahl der rückwärtigen Paddelschläge davon abhängig machen, wie groß die Meuterei ausfällt”. Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass ein Dienst gerade bei dem sensiblen Umgang mit sozialen Netzwerken über Ziel hinaus geschossen und seinen Nutzern zuviel zugetraut hat.

Allen voran Facebook, welches vor nicht allzu langer Zeit mit heftigen Debatten um die Voreinstellung so mancher Datenschutzfunktion ins Schussfeld gekommen ist. Auch dort ist es mittlerweile Gang und Gäbe, bei der Neueinführung von Funktionen bewusst etwas zu weit zu gehen, den Groll der Mitglieder in Kauf zu nehmen und diese anschliessend mit einer Hand voll Zugeständnissen wieder zu besänftigen. Der Aufmerksamkeit durch die Medien tut eine solche Strategie nur gut, wie auch der Fall Google Buzz beweist – der Zweck heiligt die Mittel. Aber wie weit lässt sich dieser Bogen spannen?!

Die Frage, die ich mir Stelle ist, mit welch erschreckender Selbstverständlichkeit die User bei der Neueinführung offenbar als digitale Versuchskaninchen genommen werden, um die Akzeptanz eines neuen Dienstes zu testen. Vielleicht auch, um bewusst Kritiken zu provozieren und damit Marketing zu betreiben. Denn mal im Ernst: was könnte einem Produkt zum Launch schlimmeres passieren, als keine Beachtung zu finden?! Dann lieber schlechte News, welche man mit vollmundigen Versprechen später wenden kann, als gar keine.

An bislang schief gelaufenen Testläufen, diversen Fallbeispielen und Studien sollte es ja nicht gerade mangeln,  um aus den Fehlern anderer zu lernen – wenn man denn wollte!

  • Ist es also wirklich nötig fragwürdige Impulse nach vorne durchzudrücken, trotz der sicheren Gewissheit dass sie anecken werden – bloss um zu evaluieren wie weit man letztlich gehen darf.
  • Ist es kalkuliertes Vorgehen um – ganz im Sinne des digitalen Pioniertums – die Grenzen auszuweiten und der Konkurrenz zu begegnen? Oder steckt dahinter doch eher Zeichen eines falschen und wenig feinfühligen Umgangs mit persönlichen Daten in sozialen Netzwerken?
  • Wäre ein eher vorsichtigeres Vorantasten statt eines aktionismuslastigen Vorpreschens nicht eher angebracht?! Allein schon aus Vertrauens- und Imagegründen, was sich selbst bei den „Großen“ auf Dauer negativ auswirken könnte.
  • Oder ist ein zu zaghaftes und rücksichtsvolles Vorgehen eher hinderlich für die Entwicklung und Etablierung von Innovationen im Netz?!

Natürlich wird sich jeder Dienst nach seinem Erscheinen im Netz den kritischen Augen der Datenschützer unterziehen müssen und bei Bedarf auch Federn lassen. Aber bis dahin sind es nun einmal die Nutzer der ersten Stunde – welche im Fall von Google Buzz sogar fast unwissend automatisch involviert worden sind – welche mit argen virtuellen Blessuren rechnen müssen.

Ich finde persönlich diese Vorgehensweise mehr als makaber. Gerade wenn man Beiträge liest, in denen beispielsweise ein zu Gewalt neigender Mann über den Google Aggregator den Aufenhalts- und Arbeitsort seiner vor ihm geflohenen Ex-Frau herausfinden sowie sämtliche Tätigkeiten mitverfolgen konnte. Bloss weil beide vor geraumer Zeit noch regen Mailkontakt hatten und Buzz sie deshalb laut den Google Algorithmen als „gute Freunde“ eingestuft hat.  Ironischerweise passend dazu nochmal der Google-Leispruch: “Don’t be evil”. Wie seht ihr diese Problematik?!

Dann doch lieber Altbewährtes

Und auch wenn ich gerade rechtzeitig, gefühlte 5 Pixel vor dem G-Mail „Anmelden-Button“, doch noch zurückgeschreckt bin: Den Vertrauensvorschuss haben G-Mail und Buzz jedenfalls bei mir erstmal verspielt.

Da bleibe ich doch lieber vorerst bei Twitter und gönn mir – wenns ein bisschen mehr medial sein soll – hin und wieder einen kräftigen Schluck Suppe.io. Sieht um einiges ansprechender aus (das Auge isst ja bekanntlich mit) und da kann ich zumindest jederzeit die hineingeworfenen Zutaten selbst bestimmen und entscheide selbst, wer an ihr mitlöffeln darf.

Die Nutzer sozialer Netzwerke:  Pioniere oder eher digitale Versuchkaninchen?! Mich würde euer Standpunkt dazu interessieren…


Ps: Für alle anderen die ebenfalls begeistert an ihrer medialen Flüssigmahlzeit köcheln: Da ich festgestellt habe, dass es für soup.io generell ziemlich wenig gute Icons gibt, werd ich mich die nächsten Tage mal an einem Set probieren. Das gibt es dann natürlich wie immer hier zu haben: schaut einfach mal wieder vorbei.

Chris Donner, Autor dieses Artikels

Über den Autor dieses Artikels:

Ich, Chris Donner bin der Inhaber von Pixxelpassion und arbeite als freier Webdesigner und Referent im Bereich Suchmaschinenoptimierung. Weitere Informationen und mein Portfolio gibt's auf Pixxelpassion - oder du folgst mir auf Twitter.

5 Kommentare zu “Der Google-Buzz Nutzer: Pionier oder Versuchskaninchen?!”

  1. Monex

    Google will mit Google Buzz Nachrichten und Links neu sammeln und sortieren und zwar nach dem Follower-Prinzip. Foto ddp – ddpDer Start des Google-Netzwerks war ein Desaster ignorierte es doch die Privatsph re.

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